“Wir fischen im Trüben, solange die Ausgestaltung des digitalen Euros nicht klar ist”

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Das Hotelzimmer wird im Reisebüro mit Bitcoin bezahlt, der neue Laptop beim Internethändler mit dem digitalen Dollar, Exportwaren aufgrund der günstigeren Gebühren mit dem chinesischen digitalen Yuan – die Digitalisierung des Geldsystems, die rückläufige Bargeldnachfrage sowie die zunehmende Bedeutung von Kryptowährungen und Stablecoins wie Tether (USDT) oder USD Coin (USDC) stellen die Europäische Zentralbank (EZB) vor immer größeren Herausforderungen. Wenn EU-Bürger private oder ausländische Digitalwährungen wie ihr eigenes Geld nutzen, setzt das die Souveränität des Euro sowie einen reibungslos funktionierenden Zahlungsverkehr aufs Spiel.

Genaus deshalb will die EZB nicht weiter tatenlos zusehen und plant für 2023 einen Prototyp des digitalen Euro. Damit will die Zentralbank erforschen, wie ein solcher aussehen könnte. In weniger als fünf Jahren könnte die EZB die digitale Zentralbankwährung (CBDC) bereits einführen. 

Um Leuten eine Anlaufstelle zu bieten, wo sie sich darüber informieren können, was der digitale Euro ist, wie er aussehen könnte und welche Ziele die EZB damit verfolgt, wurde die Digital Euro Association (DEA) im Jahr 2021 gegründet. Die Denkfabrik fokussiert sich vor allem auf die Aufklärung rund um das Thema CBDC und Euro-Stablecoins, Netzwerkpflege innerhalb der Community sowie Dialog und Zusammenarbeit mit verschiedenen Experten bzw. Entscheidungsträgern aus der Branche. 

Jonas Gross ist Gründungsmitglied und Vorsitzender der DEA. Zudem promoviert der Experte zu digitalen Währungen an der Universität Bayreuth und arbeitet als Projektmanager und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Im Interview mit Cointelegraph auf Deutsch erzählt Jonas Gross, was der digitale Euro ist, in welcher Form wir ihn brauchen (oder auch nicht) und ob die EZB mit der Einführung von CBDC nicht schon zu spät dran ist. 

Cointelegraph auf Deutsch: Können Sie uns bitte erklären, was der digitale Euro ist?

Jonas Gross: Der digitale Euro ist eine Art digitales Bargeld. Wir haben Geld auf den Bankkonten, und, wenn wir Geld überweisen, ist es eigentlich schon eine Art digitaler Euro. Der Hauptunterschied ist hier, dass es sich beim digitalen Euro um Zentralbankgeld handelt, das heißt die Zentralbank gibt dieses Geld aus und nicht die Geschäftsbank. Und dieses Zentralbankgeld hat weniger Risiko. Bei Banken gibt es Einlagensicherungssysteme, dort ist das Geld abgesichert. Aber eine Bank kann theoretisch immer pleite gehen, die Zentralbank jedoch nicht, weil sie im Notfall unbegrenzt Geld drucken kann.

CT: Wenn der digitale Euro von der EZB ausgestellt wird, würde ich doch lieber mein Geld bei der Zentralbank risikofrei anlegen, als bei einer Privatbank. Kommt es nicht zur Insolvenz von Privatbanken? 

Jonas Gross: Das ist die Kernfrage und der Grund, warum Ökonomen, Banken und die EZB selbst teilweise skeptisch sind. Sie befürchten, dass die Leute in Krisenzeiten ihr ganzes Geld von der Privatbank zur Zentralbank transferieren werden. Die EZB erwägt gerade verschiedene Möglichkeiten, was sie dagegen tun kann. 

Es gibt primär zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit ist es, ein Limit bzw. einen maximalen Betrag festzulegen. Legen wir zum Beispiel fest, ein Bürger darf nicht mehr als 3.000 Euro bei der EZB halten. Die zweite Möglichkeit, die die EZB sieht, ist es, einen Negativzins ab einem bestimmten Geldbetrag, beispielsweise wieder etwa ab 3.000 Euro, zu implementieren. Wenn der Kunde mit seinen CBDC-Beständen über diesen Geldbetrag kommt, muss er negative Zinsen zahlen. Das soll verhindern, dass Leute das Zentralbankgeld als Wertspeicher nutzen. Und das ist wichtig: der digitale Euro soll hauptsächlich eine Art digitales Bargeld werden, ein Zahlungsmittel und weniger ein Wertaufbewahrungsmittel. Die Zentralbank möchte den Banken nicht ihr Geschäft wegnehmen.

CT: Wird der digitale Euro überhaupt genutzt werden? 

Jonas Gross: Zuerst würde ich klären, warum wir den digitalen Euro überhaupt brauchen könnten. Vielen Leuten ist das nicht klar und, ehrlich gesagt, fehlt mir diese Klarheit auch. Die EZB hat im Juli 2021 ein Forschungsprojekt zum digitalen Euro gestartet. Aber man weiß noch nicht, was das Ziel ist und wie der digitale Euro ausgestaltet sein wird. 

Deswegen gibt es verschiedene Meinungen. Der Ökonom Peter Bofinger zum Beispiel glaubt, der digitale Euro könnte ein riesen Flop werden, weil ihn niemand nutzen wird. Wenn man jetzt ein Paypal 2.0 herausbringt, das von der Zentralbank kommt – das wird niemanden überzeugen. Die Leute werden weiterhin Paypal, Apple oder Google Pay und Kreditkarten nutzen. Das heißt, die EZB braucht irgendwas, irgendein Alleinstellungsmerkmal, wo der digitale Euro besser ist. 

CT: Was könnte dieses Alleinstellungsmerkmal sein? 

Jonas Gross: Die komplette Anonymität. Wir haben ein Forschungsprojekt gemacht, Zentralbanken vorgestellt und gezeigt, dass es technologisch möglich ist, einen digitalen Euro genauso anonym wie Bargeld auszugestalten. Es ist auch technisch möglich, anonyme Zahlungen mit dem digitalen Euro nur bis zu einer bestimmten Obergrenze, sagen wir bis zu 10.000 Euro, zu erlauben, ab dieser Grenze muss man dann seinen Ausweis vorzeigen. Das kann ein großer Vorteil für den digitalen Euro sein, besonders im Hinblick darauf, dass das Bargeld immer mehr an Bedeutung verliert. 

Im Extremfall kann es dazu kommen, dass in ein paar Jahrzehnten sehr wenig Bargeld wie jetzt in China oder Schweden mehr genutzt wird. Und wenn wir keinen digitalen Euro hätten, der anonyme Zahlungen zumindest teilweise ermöglicht, dann hätten wir in den Zahlungen keine Privatsphäre mehr. Auch wenn es nicht intuitiv erscheint, kann der digitale Euro die Privatsphäre fördern, wenn man ein solches System mit Fokus auf Anonymität umsetzen würde. Ob der digitale Euro diesen Fokus setzen wird, bleibt bislang fraglich.

CT: Die EZB plant für 2023 einen Prototyp für den digitalen Euro. Das bedeute allerdings nicht, dass es danach unbedingt zur Einführung des digitalen Euro kommt. Bei einer Entscheidung dafür kann es noch zwei bis drei Jahre dauern, bis die Zentralbank ihn herausgibt. Haben wir überhaupt so viel Zeit? Besonders, wenn man in China bereits mit dem digitalen Yuan bezahlen kann? 

Jonas Gross: Das ist die Frage aller Fragen. China beschäftigt sich schon seit 2014 mit dem digitalen Yuan. Die EZB hat mit dem digitalen Euro offiziell erst 2019, fünf Jahre später, angefangen. Wenn der digitale Euro kommt, dann kommt der frühestens 2026. Das ist schon eine halbe Ewigkeit für die digitale und Krypto-Welt. 

Vielleicht kommt die CBDC auch zu spät, aber es kommt darauf an, was man von diesem digitalen Euro erwartet. Wenn es darum geht, die Privatsphäre durch den digitalen Euro zu fördern und in dieser Hinsicht die Eigenschaften von Bargeld zu replizieren, dann haben wir diese Zeit. Wenn man aber ein zweites Alleinstellungsmerkmal nimmt und den Fokus darauf setzt, Zahlungen über eine Blockchain anzubieten, zum Beispiel, programmierbare Zahlungen in solchen Bereichen wie Internet of Things (IoT), Machine Economy oder Decentralized Finance (DeFi), dann müssen wir uns beeilen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Es ist wichtig zu verstehen, welche Ziele wir mit dem digitalen Euro verfolgen. Die EZB ist sich hier noch nicht ganz klar. Wir sehen aber, dass andere Länder wie China mit ihren CBDC-Projekten vorankommen. Wobei es bislang noch unklar ist, ob auch Ausländer Zugang zum digitalen Yuan bekommen. Das könnte sich negativ auf die Rolle des Euros auswirken. Deswegen ist es extrem schwer abzuschätzen, inwiefern der digitale Yuan ein geopolitisches Risiko werden kann, weil noch viele Details fehlen und Chinas Projekt in einem – sehr fortgeschrittenen – aber noch Teststadium befindet.

CT: Wie schätzt du die Gefahr ein, dass der Euro künftig an Bedeutung verliert und nicht-europäische Zahlungssysteme auch in der Eurozone genutzt werden?

Jonas Gross: Das ist sicherlich auch einer der Hauptgründe, warum man mit dem digitalen Euro schneller sein müsste. Aber ich glaube nicht, dass deutsche Exporteure von heute auf morgen sagen, wir nehmen jetzt statt dem Euro den Yuan. Aber China hat genug Handelspartner in Schwellen- und Entwicklungsländern, die sagen könnten, wir nutzen jetzt die chinesische Währung, weil es einfacher ist, Zahlungen mit einer digitalen Zentralbankwährung zu tätigen. 

CT: Warum einfacher? 

Jonas Gross: Weil ich das Bargeld nicht um die Welt schicken muss, das bedeutet weniger Transaktionskosten. Es ist besser als ein Bankkonto, weil ich mir zur Zahlungsdurchführung kein Bankkonto einrichten muss. Oft muss ich dafür auch Staatsbürger sein. Die digitalen Währungen können dazu führen, dass es einfacher und günstigerer ist, in dieser Währung zu zahlen. Und wir sehen leider durch den Russland-Ukraine-Krieg, dass das Thema internationale Zahlungen bzw. Sanktionen geopolitisch wieder an Bedeutung gewinnt. Die russische Regierung sagt, russisches Gas müsse nun in Rubel bezahlt werden. Die Chinesen können theoretisch auch auf die Idee kommen, dass die Produkte, die wir exportieren müssen und die derzeit in US-Dollar oder Euro abgewickelt werden, ab jetzt in der chinesischen Währung gezahlt werden müssen. Dieses Risiko oder diese Chance besteht für China durchaus, dadurch kann das Land seine heimische Währung stärken. Aber dadurch könnte der Euro an Bedeutung verlieren.

CT: Die EZB hat noch kein konkretes Ziel hinsichtlich des digitalen Euro. Aber welche Ausgestaltungsformen sind überhaupt möglich?

Jonas Gross: Erste Möglichkeit ist der digitale Euro auf der Blockchain, da wurde die KSI-Blockchain, die Kerntechnologie des E-Government in Estland, eingesetzt. Eine zweite Möglichkeit wäre ein digitaler Euro auf dem 2018 gestarteten elektronischen Bezahlsystem TIPS. Die dritte Möglichkeit wäre ein Hybrid, eine Art Trigger-Lösung zwischen der Blockchain und dem konventionellen Bankensystem. Und die vierte ist ein Inhaberinstrument – das wäre im Endeffekt eine Art Geldkarte, mit der man dann Zahlungen tätigen kann, bzw. eine Hardware, wo man auch Offline-Zahlungen ohne Zugang zum Internet abwickeln kann. 

Das sind vier Gestaltungsmöglichkeiten, die die EZB in Zusammenarbeit mit den nationalen Zentralbanken letztes Jahr getestet hat. Die KPIs (Key-Performance-Indicator, deutsch: Schlüsselkennzahlen) werden bei allen erreicht, das heißt alle vier Ausgestaltungsformen sind möglich. Aber das sind nur die groben Möglichkeiten, und die EZB hat sich noch nicht entschieden. Der Grund dafür ist, dass Anwendungsmöglichkeiten, Eigenschaften und vor allem Ziele noch nicht ganz klar sind. 

CT: Wie aktiv arbeiten andere europäischen Länder am digitalen Euro? 

Jonas Gross: Schweden macht schon große Fortschritte, aber Schweden ist kein Euroland. Das Land hat eine eigene Währung – die schwedische Krone, und Schweden haben schon seit Jahren mit der E-Krone experimentiert. Dabei haben sie sich einen ähnlichen Zeitplan wie die EZB gesetzt und wollen nicht vor 2025 eine eigene digitale Währung herausgeben. 

Manche Euroländer sind extrem innovativ, zum Beispiel Frankreich. Die machen viele Tests rund um CBDCs, wobei es da eher um die Wholesale-CBDC geht, die ausschließlich Geschäftsbanken und anderen Finanzinstituten wie Versicherern zur Verfügung steht und nicht Privatpersonen oder Unternehmen. 

Interessant ist aber, dass die EZB – überspitzt ausgedrückt – gar nicht will, dass andere Länder da zu viel selbst machen. Vor ein paar Jahren hat die Zentralbank in Litauen mit dem LB Coin, einer Art digitalen Sammlermünze (Digital Collector Coin), experimentiert. Die EZB hat damals klar gemacht, dass am Ende die EZB entscheidet, wann der digitale Euro kommt. Deswegen ist es unwahrscheinlich, dass zum Beispiel die deutsche Bundesbank oder die Banque de France sagt, okay, wir führen einen digitalen Euro für die Allgemeinheit ein. Schließlich ist primär die EZB für das Geld und den Zahlungsverkehr in der Eurozone zuständig.

CT: In einer Umfrage der Bundesbank haben sich 56 Prozent der Befragten gegen eine Einführung des digitalen Euro ausgesprochen. Woher kommt diese Skepsis gegenüber dem digitalen Euro?

Jonas Gross: Es fehlt vor allem an Aufklärungsarbeit und Weiterbildung, weil viele Leute nicht verstehen, was der digitale Euro ist. Ich finde sogar den Ausdruck “digitaler Euro” nicht so gut und würde “digitales Bargeld” bevorzugen. Wobei auch dieser Begriff nicht perfekt ist, weil viele Leute dann denken, Bargeld ist doch physisch, wie kann das digital sein? Aber wenn die Leute “digitaler Euro” hören, denken sie, das Geld auf dem Bankkonto ist schon eine Art digitaler Euro. Das heißt, viele verstehen den Ausdruck nicht und deswegen haben sie direkt eine ablehnende Haltung. Sie denken sich nur: “Wir haben das doch schon” oder “Wir verstehen es einfach nicht”. 

Aber auch die EZB muss jetzt klar Stellung beziehen. Was sind die Ziele? Wie wird der digitale Euro ausgestaltet? Wenn man diese Ziele nennt, kann man sich positionieren, weil das Paper, das die EZB zum digitalen Euro geschrieben hat, ihre Optionen offen gelassen hat. Wir fischen deswegen viel im Trüben, solange die offiziellen Ziele und Designfragen nicht klar sind. 

CT: Die Europäische Kommission hat vor zwei Wochen eine öffentliche Konsultation “Der digitale Euro für die EU” eröffnet. Über 12.000 Privatleute und Organisationen haben schon ihr Feedback auf der Webseite hinterlassen. In Deutschland sind die Leute meist gegen den digitalen Euro, sie wollen diese komplette Anonymität und Freiheit bei Zahlungen, die sie schon mit Bargeld haben. Sie befürchten, dass die EZB durch eine eigene Zentralbankwährung mehr Kontrolle gewinnt. Haben sie dazu einen Kommentar?

Jonas Gross: Schon bei der Konsultation der EZB zum digitalen Euro war eine große Anzahl der Konsultationsteilnehmer aus Deutschland. Häufig handelt es sich bei den Teilnehmern um libertär eingestellte Bürger. Dass ein digitaler Euro, der eine wichtigere Rolle für die Zentralbank bedeutet, beispielsweise von Bitcoinern abgelehnt wird, überrascht mich nicht. Dass eine hohe Nachfrage nach Anonymität da ist, bewerte ich positiv. Sie wird Druck aufbauen, eine Debatte rund um Privatsphäre und digitale Zahlungen zu führen. Wird es komplett anonyme Zahlungen mit dem digitalen Euro geben? Technologisch gibt es hier wie beschrieben Möglichkeiten. Wo sollte eine Schwelle für anonyme Zahlungen liegen? Dafür bedarf es einem breiten politischen – und rechtlichen – Diskurs. 

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