Was sind die Ursachen für den aktuellen Krypto-Winter? – Teil 1

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Der Bitcoin-Kurs (BTC) schwankt seit Monaten rund um die Marke von 20.000 US-Dollar, während man pro Coin im Vorjahr noch mehr als 67.000 US-Dollar zahlen musste. Nachdem die Marktkapitalisierung im gesamten Kryptowährungsbereich im November letzten Jahres bei gut drei Billionen US-Dollar gelegen hatte, ist dieser Wert aktuell unter die Schwelle von einer Billion US-Dollar gerutscht.

Das alles ist den schlechten makroökonomischen Bedingungen (Inflation, Zinserhöhungen) und einigen Krisen am Kryptomarkt zu verdanken. Im Mai implodierte der Stablecoin TerraUSD, der eigentlich an den US-Dollar gebunden sein sollte. Die Kryptobörsen weltweit entlassen ihre Belegschaft und kürzen Ausgaben. Krypto-Kreditgeber wie Celsius und Voyager sowie der Krypto-Hedgefond 3AC melden Insolvenz an, große Firmen wie Tesla verkaufen ihre Bitcoin-Bestände und sogar der lang ersehnte Ethereum-Merge kurbelt den Kryptomarkt nicht spürbar nach oben an.

Dass wir immer noch inmitten eines Krypto-Winters sind – das steht außer Frage. Aber was sind die wichtigsten Ursachen dafür? Und wie lange wird die eiskalte Bärenzeit noch andauern? Oder gibt es vielleicht gar keinen Ausweg in naher Zukunft?

Um diese Fragen zu beantworten und tiefere Einblicke zu erhalten, hat sich Cointelegraph auf Deutsch an lokale Experten aus der Blockchain-Branche gewandt und sie konkret gefragt: “Was sind eigentlich die Ursachen für den aktuellen Krypto-Winter?”

Dennis Austinat, Deutschlandchef von eToro

Krypto-Winter treten in der Regel während eines Krypto-Bärenmarktes auf und waren zuletzt zwischen 2018 und 2020 zu beobachten, als der Bitcoin-Kurs um etwa 80 Prozent fiel.

Die Märkte sind in den letzten Wochen aufgrund der fallenden US-Aktienmärkte unter Druck geraten, wobei steigende Zinsen und Treasury-Renditen die Bewertungen beeinflussen. Traditionell haben sich Bitcoin und Aktien unabhängig verhalten, aber in den letzten Monaten haben sie begonnen, sich gegenseitig zu spiegeln und weisen nun die höchste Korrelation auf, die wir je gesehen haben.

Olga Feldmeier, Vorstandsvorsitzende & Co-Founder von Smart Valor

Es ist leicht, auf einzelne Ereignisse zu verweisen und zu behaupten, dass sie den Bärenmarkt verursacht haben. Aber die Realität ist komplizierter. Und, um wirklich zu verstehen, was vor sich geht, müssen wir eine Reihe von Faktoren berücksichtigen. 

Als erstes müssen wir uns ansehen, wie und warum sich Bitcoin so verhält, wie er es tut. Der Bitcoin-Kurs ist nicht zufällig. Er durchläuft regelmäßige, vierjährige Preiszyklen, die sich um ein Ereignis namens Halving (zu deutsch: Halbierung) drehen. Bitcoin hat ein einigermaßen vorhersehbares Muster, je nachdem, wo wir uns in diesem Prozess befinden. Die beiden Jahre um die Halbierung sind durch steigende Kurse gekennzeichnet, gefolgt von einem weiteren Jahr mit anhaltend hohen Kursen. Danach folgt normalerweise ein Jahr mit niedrigen Kursen. Die nächste Halving ist für den 4. Mai 2024 vorgesehen. Der Zeitpunkt des letzten Bärenmarktes, der Ende 2021 begann, sollte daher nicht überraschen. 

Wir müssen uns nicht nur ansehen, wie sich der Bitcoin-Kurs verändert, sondern auch, wie er sich im Verhältnis zur breiteren makroökonomischen Perspektive verändert. Die größte Veränderung in dieser Hinsicht ist, dass Bitcoin nun mit der Entwicklung der Aktienmärkte korreliert. Diese Korrelation spielte definitiv eine Rolle bei dem starken Abschwung dieses Bärenmarktes von Februar bis Juni. Wir können dies zum Teil darauf zurückführen, dass sich der Kryptowährungsmarkt zu einer komplexen und hochentwickelten Branche von Unternehmen entwickelt hat, die auf der zugrunde liegenden Technologie aufbauen. Was wir sehen, ist der Beweis dafür, dass sich Kryptowährungen von einem separaten Finanzökosystem zu einem Sektor eines Token-basierten Aktienmarktes entwickeln.

Es gab jedoch einige große Momente, die in diesem Jahr für die Märkte den Ausschlag gaben. Die milliardenschweren Implosionen von Terra schufen ein schwarzes Loch der Ansteckungsgefahr, in das einige der größten Akteure der Branche nacheinander hineingesogen wurden. Es war ein düsteres Schauspiel, aber es hat viele schwache und überschuldete Unternehmen aus dem Weg geräumt und der Branche eine wichtige Lektion in Sachen Transparenz, Kreditvergabe und Kundengelder erteilt.

Daniel Diemers, Mitgründer von SNGLR Group und Board Member bei Kryptofirmen und Banken

Der Krypto-Winter lässt sich mit zwei Entwicklungen begründen. Einerseits war 2021 ein klar überhitztes Jahr: Grayscale, Microstrategy, Elon Musks Dogecoin, One River, Tudor, der Börsengang (IPO) von Coinbase. Eine positive Nachricht jagte die Nächste. Viele Investoren dachten: von nun an geht’s nur noch exponentiell nach oben.

Dass das Ökosystem immer noch durchaus fragil ist, sah man in den letzten 1-2 Monaten: der Kollaps von Terra Luna, Coinflex, Three Arrows Capital, Celsius und weiteren zeigt, dass einige nicht auf Abwärtsbewegungen der Märkte vorbereitet waren.

Andererseits sind wir an einem Punkt, an dem Kryptowährungen inzwischen sehr stark mit den traditionellen Märkten korrelieren. Das heißt, wenn diese wie eben nun nach unten korrigieren, machen die Kryptowährungen das mit. In 2014 war dieser Korrelations-Gedanke noch absurd, aber wir sind nun auch dank der institutionellen Investoren fast untrennbar mit den internationalen Aktienmärkten verbunden.

Ulli Spankowski, CDO der Gruppe Börse Stuttgart, CEO und Mitgründer der Bison App 

Die Anhebung des Leitzinses durch die US-Notenbank FED und die Europäische Zentralbank (EZB), sowie die unsichere Wirtschaftslage, bedingt durch unter anderem der Konjunktursorge aus China und dem Krieg in der Ukraine – dieser Mix führte dazu, dass sich insbesondere institutionelle Investoren umorientierten. Sie sind stark auf Rendite aus und haben in der Vergangenheit aktiv auf Tech-Aktien und Krypto gesetzt. Nun bietet sich die Änderung am Zinsmarkt an, um Teile des Portfolios für mehr Sicherheit umzuschichten. Hinzu kommen der gescheiterte Stablecoin TerraUSD (UST) und der überschuldete Lending-Dienst Celsius. Das Umfeld im Kryptomarkt ist zweifelsfrei schwierig und ein fehlendes regulatorisches Umfeld verstärkt die Unsicherheit der Investoren.  

Patrick Hansen, Crypto Venture Advisor bei Presight Capital 

Der wichtigste Treiber ist sicherlich der geldpolitische Richtungswechsel der großen Notenbanken weltweit, angeführt von der FED, angesichts anhaltend hoher Inflationswerte. Ähnlich wie alle anderen Märkte, und als junge, riskante Anlageklasse verstärkt, hat der Kryptomarkt mit dem Abfluss von Liquidität zu kämpfen. Befeuert wird die schwierige Makrosituation dann außerdem vom Scheitern einzelner, großer Krypto-Projekte und Unternehmen wie Terra oder Celsius, deren Zusammenbruch sich über weite Wellen auf dutzende weitere Projekte im Markt auswirkt.

Arno Pernthaler, Vorstandsmitglied und CEO von DEC Institute

Dieser Krypto-Winter ist eine klassische Kurskorrektur, wie wir es aus den Aktienmärkten kennen, die kaum repräsentativ für das aktuelle Marktgeschehen ist.

Philipp Sandner, Wirtschaftwissenschaftler und Leiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) 

Der aktuelle Krypto-Crash begann Anfang Mai mit der Terra-Luna-Katastrophe. Terra (LUNA) hat beim Design des gesamten Projekts einen  großen Fehler gemacht. Früher oder später musste es implodieren – genau wie Wirecard. 

Was wir gerade erleben, ist eine klassische Marktbereinigung. Dies ist bei neuen Technologien wie der Blockchain-Technologie völlig normal – und sogar notwendig. Früher oder später werden Projekte, die keinen echten Mehrwert liefern, ausgesondert und nur Projekte, die echte Probleme lösen, werden überleben. Sobald diese Marktbereinigung stattgefunden hat, wird auch die derzeitige negative Stimmung verschwinden. 

Der Marktwert ist ja letztlich auch nur ein Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Das heißt, wenn Großanleger weiter verkaufen, wie zum Beispiel Krypto-Fonds, wird natürlich auch der Kurs fallen. Und eines der großen Risiken besteht darin, dass viele Investoren – einschließlich Krypto-Fonds – Kryptowährungen auf Kredit gekauft haben. Wenn diese Investoren dann gezwungen sind, ihre Kryptowährungen zu verkaufen, kommt es zu Kettenreaktionen, wie wir sie heute beobachten können. Es ist wichtig, solche Zusammenhänge zu verstehen, um nicht in unbegründete Panik zu verfallen. 

Wichtig ist zu betonen, dass Bitcoin nicht der Auslöser war, sondern das Implodieren von Geschäftsmodellen. Bitcoin wurde dann aber in die Tiefe gerissen, als diverse Organisationen ihre Bitcoins verkaufen mussten – und dazu gezwungen waren.

Robert Schwertner (aka Crypto Robby), Blockchain-Influencer und  Geschäftsführer des Consulting-Unternehmens Innomagic 

Der dramatische Fall des Bitcoin-Kurses begann letztes Jahr am 11. November 2021, also drei Monate vor dem Ukraine-Krieg. Binnen kurzer Zeit stürzte die weltgrößte Kryptowährung von 68.000 auf unter 18.000 US-Dollar. Klar, dass bei diesem Kursverfall von Bitcoin & Co. nun die Nerven blank liegen. Und ja, wir befinden uns mitten im Krypto-Winter, ein baldiges Ende ist derzeit nicht in Sicht. Die Ursachen sehe ich weniger bei den Kryptowährungen selbst, sondern bei äußeren Faktoren.

  • Staaten bekämpfen die Inflation. Die Zinserhöhung der US-Zentralbank FED Anfang 2022 läutet eine Zeitenwende ein. Ab sofort wird Inflation aktiv von der wichtigsten Währungshüterin der Welt bekämpft. Und interessant: Krypto-Kritiker behaupten meist, dass Bitcoin keine Absicherung gegen die Inflation bietet. Genau das Gegenteil ist zu bemerken. Geht es der Inflation an den Kragen, d.h. setzen Staaten entsprechende Gegenmaßnahmen ein, dann drückt das auch den Bitcoin-Kurs. Übrigens: Auch der „sichere Hafen“ Gold musste ordentlich Federn lassen.
  • Technologie-Aktien und Kryptowährungen laufen synchron. 2021 stiegen viele Technologie-affine Leute neu in Kryptomärkte ein. Und diese jungen Menschen der Generation Z nutzen meist Kryptobörsen, die zusätzlich zu Technologie-Aktien auch Kryptowährungen anbieten. Man sieht eine zunehmende Synchronisierung von Kryptowährungen und Aktien der großen Digitalkonzerne wie Google, Amazon, Meta und Tesla. Besonders diese Tech-Aktien kamen wegen der Corona-Krise und des Ukraine-Krieges stark unter Druck, der Absturz der Technologie-Werte riss Kryptowährungen mit. Und die Unruhe an den Aktienmärkten bleibt bestehen, was wiederum die Volatilität der Märkte erhöht.
  • Bitcoin-Hyperzyklus. Es gibt einen großen Zyklus bei Bitcoin, der sich auf alle Kryptowährungen auswirkt: Alle vier Jahre kommt es zum „Halving“, der Halbierung der Bezahlung der Miner, und mit ihm bekommt Bitcoin neuen Aufschwung. Das nächste Halving ist aber erst 2024, weswegen ein bullisher Markt im Moment geradezu unlogisch ist.

Eric Demuth, CEO von Bitpanda

Die Märkte sind immer zyklisch, sodass wir immer mit solchen Auf- und Abschwüngen rechnen müssen. Wenn ich jedoch drei Hauptauslöser nennen müsste, wären das folgende:

  • Inflation – verursacht durch makroökonomische Störungen in der Weltwirtschaft, die die Risikobereitschaft des Marktes verändern.
  • TerraUSD – als Terra seine Bindung an den USD verlor, brach LUNA zusammen. Noch wichtiger ist, dass dadurch das Vertrauen in Kryptowährungen erschüttert wurde, was ein entscheidender Faktor für das Verhalten der Anleger ist. Danach gab es eine große Ansteckungsgefahr auf dem Markt, die sich auf andere Kryptounternehmen ausbreitete, die gehebelt waren, wodurch die Märkte noch mehr unter Druck gerieten.
  • Gehebelte Positionen – im Vergleich zu 2018 gab es viel mehr ungesicherte Hebelwirkung im Kryptobereich. Als der Markt begann, abwärts zu tendieren, führte dies zu einer sich selbst ausbreitenden Spirale.

Die allgemeinen Marktbedingungen änderten die Risikobereitschaft der Anleger, ein wichtiger Stablecoin erwies sich schließlich doch nicht als stabil sowie eine übermäßige Hebelwirkung verschärfte den anfänglichen Abschwung und verursachte kaskadenartige Ausfälle, die das Vertrauen der Anleger weiter untergruben. 


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