Siegeszug der Smart-Contracts wird durch „Ghettoisierung“ verhindert

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Der aktuelle Hype um die Dezentralisierten Finanzdienstleistungen (DeFi) mischt das Internet auf, und im Zuge dessen sind Smart-Contracts gefragter als je zuvor. „Hab ich da was verpasst“, werden sie sich jetzt fragen, doch keine Sorge, denn Smart-Contracts sind weiterhin nur eine Randerscheinung der Kryptobranche, eine Randerscheinung, die allerdings potenziell Milliarden von Dollar schwer ist. Die Krux an der Sache, das vielversprechende Konzept wird in der breiten Wirtschaft noch nicht wirklich genutzt.

Trotz all der Schlagzeilen um Bitcoin und Co. hält sich das Interesse an Smart-Contracts bisher in Grenzen. Das ist wenig verständlich, denn die Fähigkeit sichere und komplexe Geschäftstransaktionen abwickeln zu können, ist eine Zugangshürde, die viele Menschen von einem erfolgreichen Eintritt in die Geschäftswelt abhält. Besonders große Unternehmen sollten händeringend jede sich bietende Chance ergreifen, um die immensen Kosten zu reduzieren, die bei der Abwicklung von Transaktionen durch das rechtliche Prozedere entstehen. Wenn zwei Parteien einen Vertrag schließen, kostet es oftmals Zeit und Geld, damit gegenseitiges Vertrauen entsteht und die vereinbarte Arbeit bzw. Gegenleistung erfüllt wird. Smart-Contracts können diesen Vorgang auf vielen Ebenen vereinfachen und damit für alle Beteiligten drastisch Kosten senken.

Obwohl es sich dabei definitiv nicht um leere Versprechungen handelt, wird diese spannende Entwicklung bisher nur in der Welt der Kryptowährungen eingesetzt. Hier fließen bereits Milliarden an Dollar durch Smart-Contracts, allerdings bleiben diese bisher auf den Rahmen des spekulativen Krypto-Handels reduziert. Was sind Smart-Contracts, und was braucht es, damit diese transformative Kraft allgegenwärtig den digitalen Wandel antreiben kann?

Was macht einen Contract smart?

Zunächst gilt es festzustellen, dass die „schlauen Verträge“ nicht von sich aus smart sind. Dafür, dass sie so schlau sind, haben Smart-Contracts eigentlich sogar einen ziemlich dämlichen Namen, der sich mit SpaceX und Chumbawamba die Hand reichen kann. Der einfachste Weg, um Smart-Contracts zu verstehen, ist sie sich als eine Art Computerprogramme vorzustellen. Wie bei ganz normalen Verträgen, sorgen diese Computerprogramme dafür, dass zwei oder mehr Parteien eine bindende Vereinbarung eingehen. Während normale Verträge (selbst in digitaler Form) verdammt viel Papierarbeit machen, in schwer verständlichem Juristendeutsch formuliert sind und nur im Schneckentempo von den langsamen Mühlen der Bürokratie gemahlen werden, sind Smart-Contracts kurz und bündig, schnell und flexibel.

Smart-Contracts sind ein organisches Produkt der Blockchain-Technologie bzw. der verwandten Distributed-Ledger-Technologien (DLT). Weil DLTs von Natur aus transparent und unveränderlich sind, sind Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit inhärente Eigenschaften von Smart-Contracts. Während es vor der Blockchain-Technologie noch nahezu undenkbar war, einen digitalen Vertrag umzusetzen, da es fast unmöglich war, für beide Seiten Vertrauen und Sicherheit herzustellen, ist dies mit Smart-Contracts problemlos möglich.

Es braucht auch keine rechtlichen Fachkenntnisse und schwurbeligen Formulierungen mehr um einen Vertrag aufzusetzen, denn all dies wird automatisch durch den Programmiercode der smarten Contracts ersetzt. Sobald zwei Parteien einen Smart-Contract eingehen, wird dieser automatisch unter den besten und sichersten Bedingungen für beide Seiten abgeschlossen. Dies spart besonders Unternehmen Zeit und Geld, während sich dadurch zugleich noch eine Fülle an weiteren Geschäftsmöglichkeiten ergibt. Also worauf wartet die Wirtschaftswelt noch? Wieso sind Smart-Contracts noch nicht im Mainstream angekommen?

Ohne Moos nix los

Da die meisten Smart-Contracts auf einem Blockchain-Netzwerk angesiedelt sind, wird für jede Transaktion eine Transaktionsgebühr fällig, um den zugehörigen Block validieren und in der Chain verewigen zu können. Der Grund, weshalb diese Gebühr zwangsläufig anfällt und nicht optional ist, ist dass sie zugleich als Anreiz für die Miner des Netzwerks dient, die Arbeit bzw. Rechenleistung verrichten, um einen neuen Block zu schöpfen. Ohne Gebühr kein monetärer Anreiz für Miner, ohne Miner keine neuen Transaktionen. Doch damit nicht genug, denn die Höhe dieser Gebühren ist zudem stark schwankend, da sie abhängig vom Traffic im jeweiligen Netzwerk und dem Kurswert der zugehörigen Kryptowährung ist.

Wenn man als Unternehmer also Teile seines Geschäfts über Blockchain-basierte Smart-Contracts abwickeln will, sorgen die Transaktionsgebühren wohl eher früher als später für Kopfschmerzen. Wenn man als Verbraucher die Macht der Blockchain nutzen will, um sich bei einer Vertragsschließung zu schützen, dann sind die Transaktionsgebühren von Smart-Contracts ggf. viel zu hoch, um eine tatsächliche Option darzustellen. Die Ideallösung wäre also ein Netzwerk, das keinerlei Gebühren erhebt, doch solange diese zumindest transparent und wertstabil sind, haben Unternehmer und Verbraucher immerhin schon mal Planungssicherheit für ihr Budget.

Das beliebteste Smart-Contract-Netzwerk ist zurzeit Ethereum. Doch der Marktführer befindet sich in einer selbst geschaffenen Zwickmühle, denn je beliebter er wird, desto teurer wird seine Nutzung. Dies ist das genaue Gegenteil eines erfolgreichen Geschäftsmodells, und vielmehr ein alarmierendes Zeichen dafür, dass das Design von Smart-Contracts einen grundlegenden Denkfehler hat.

Gefangen im Ghetto

Zum Vergleich: Die E-Mail hat die Geschäftswelt revolutioniert, doch stellen wir uns vor, lediglich die Nutzer ein und desselben Anbieters könnten untereinander E-Mails schreiben. Wenn das der Fall wäre, würden E-Mails wohl nur in vereinzelten Unternehmen genutzt, aber nicht im breiten Mainstream.

Analog diesem Beispiel verhält es sich derzeit bei Smart-Contracts, denn diese weisen aktuell auch keine solche Interoperabilität auf. Wenn ein Unternehmen also einen „smarten Contract“ mit einem anderen Unternehmen eingehen will, müssen beide Seiten die gleiche Kryptowährung dafür nutzen. Derartige Verträge werden zurzeit also überwiegend nur unter Unternehmen abgeschlossen, die ohnehin eng in einem ähnlichen Geschäftsfeld zusammenarbeiten, doch im Mainstream wird sich diese „Ghettoisierung“ niemals wirklich durchsetzen.

Dementsprechend kann von großen Unternehmen nicht erwartet werden, dass sie sich ausschließlich auf eine Kryptowährung und das dazugehörige Blockchain-Netzwerk spezialisieren, besonders weil die betreffende Kryptowährung massiven Kursschwankungen ausgesetzt sein kann. Die traurige Wahrheit ist jedoch, dass fast jedes Smart-Contract-Netzwerk fest mit seiner originären Blockchain verwoben ist. Eine Situation ohne Ausweg, denn die Schaffung von Kompatibilität zwischen den einzelnen Netzwerken ist eine regelrechte Mammutaufgabe.

Wer ist hier der Boss?

Die oben genannten Probleme können letztendlich nur von der Krypto-Community als Ganzes gelöst werden, indem deren Entwickler auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Allerdings gibt es noch weitere Stolpersteine, denn auch Umweltbelastung durch Mining, Verzögerungen bei der Abwicklung von Transaktionen, das Einrichten privater Netzwerke auf öffentlichen Blockchains und Oracles, die erst die Einbindung von externen Daten auf Blockchains möglich machen, sind allesamt Problemstellungen, die ebenfalls gelöst werden müssen.

Eine weitere große Aufgabe, aus einer völlig anderen Kategorie, ist die rechtliche Zuständigkeit. Dies kann die Krypto-Community nicht allein lösen. Das Vertragsrecht sieht in all seinen Ausführungen immer vor, dass in einem Vertrag die rechtliche Zuständigkeit geklärt sein muss. Dementsprechend gibt es ganze Branchen, die sich damit befassen, wer in welchem Fall haftet und welche Konsequenzen gezogen werden.

Smart-Contracts sind auch in dieser Hinsicht eine völlig neue Evolutionsstufe für das Konzept der rechtlichen Zuständigkeit. Juristisch gesehen bewegen sich Kryptowährungen in einem völlig neuen, unbekannten Hoheitsgebiet. Eine Vereinbarung, die auf eine dezentralisierten, globalen Netzwerk aus Computern besteht, die auf einer Währung basiert, die keiner zentralen Regierung unterliegt und die von einem Open-Source Programmiercode ausgeführt wird, ist juristisch schwer zu fassen, geschweige denn einem festen „Ort“ zuzuordnen. Es hat schließlich einen Grund, weshalb Kryptowährungen bisher noch kaum reguliert sind. Nicht umsonst wird die Kryptobranche oftmals als „Wilder Westen“ tituliert. Wenn man einen Smart-Contract eingeht und die andere Seite ihre Vereinbarung bricht, an welches Gericht wendet man sich dann?

Die Lösungen für all diese Probleme werden sich mit voranschreitender Entwicklung der Distributed-Ledger-Technologien ergeben. Dabei obliegt es Regierungen und Aufsichtsbehörden der Welt, einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen zu schaffen, der Smart-Contracts und Blockchain-Transaktionen ordnungsgemäß regulieren kann. Zugleich werden diese neuen Technologien jedoch nie die nötige Akzeptanz bekommen, solange sich die Entwicklerteams der Kryptobranche wie die gierigen Goldgräber im Kalifornien des 19. Jahrhunderts verhalten. Es ist jetzt wichtiger denn je, dass die Community wahrhaft gemeinschaftlich denkt und auf die Massentauglichkeit hinarbeitet, anstatt in einer Ellenbogengesellschaft zu verharren, in der jeder sich selbst der Nächste ist.

Der vorliegende Artikel ist eine redaktionelle Übersetzung des englischen Originaltextes, den der deutsche IOTA-Chef Dominik Schiener exklusiv für Cointelegraph verfasst hat. Obwohl sich Wortlaut und Intention nah an das Original halten, handelt es sich nicht um die eigenen Worte von Schiener.

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Dominik Schiener ist einer der Mitgründer und Geschäftsführer der IOTA Foundation, der federführenden Organisation hinter IOTA, die in Berlin ihren Sitz hat. In seiner Funktion ist Schiener allen voran für die Bildung neuer Partnerschaften und für die strategische Gesamtumsetzung des Projekts verantwortlich. IOTA ist ein DLT-Netzwerk, das Kryptowährungen mit dem Internet of Things verbindet. Das ambitionierte Ziel des deutschen Projekts ist nichts Geringeres als der Aufbau der „Machine Economy“.


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