Experte des EU Blockchain Observatory über die Branche

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Die dezentralisierte Finanzierung ist nach wie vor erfolgreich. Auch wenn der Weg manchmal holprig ist, bleiben einige wichtige Fragen zu diesem relativ jungen Bereich offen. Wie können DeFi-Anwendungen davor geschützt werden, bei extremer Belastung auszufallen? Ist die Branche wirklich dezentralisiert, wenn einige Personen viel mehr Governance-Token besitzen als andere? Gefährdet die Anonymität die Transparenz?

In einem aktuellen Bericht des EU Blockchain Observatory and Forum befassen Experten sich mit diesen und vielen anderen Fragen rund um das Thema DeFi. Der Bericht umfasst acht Abschnitte und deckt eine Reihe von Themen ab. Von der grundlegenden Definition von DeFi bis hin zu den technischen, finanziellen und verfahrenstechnischen Risiken. Der Bericht wurde von einem internationalen Forscherteam erstellt und enthält einige wichtige Erkenntnisse, die hoffentlich bei den Gesetzgebern auf Gehör stoßen.

Die Forscher heben hervor, dass DeFi die Sicherheit, Effizienz, Transparenz, Zugänglichkeit, Offenheit und Interoperabilität von Finanzdienstleistungen im Vergleich zum traditionellen Finanzsystem erhöhen könne. Im Zuge dessen schlagen sie einen neuen Ansatz für die Regulierung vor. Bei diesem soll der Gesetzgeber sich auf die Aktivität der einzelnen Akteure fokussieren und nicht alle in eine Schublade stecken Im Bericht heißt es:

“Wie bei jeder Regulierung sollten die Maßnahmen fair, effizient, wirksam und durchsetzbar sein. Eine Kombination aus Selbstregulierung und eine Regulierung, die durch Behörden durchgesetzt wird, würde allmählich zu einer stärker regulierten DeFi 2.0 führen, die sich aus der derzeit entstehenden DeFi 1.0 entwickelt.”

Cointelegraph sprach mit Lambis Dionysopoulos, einem der Autoren des Berichts und Forscher an der Universität von Nikosia sowie Mitglied des EU Blockchain Observatory und Forum über das Dokument. 

Cointelegraph: Wie sollten die Regulierungsbehörden mit der Informationsasymmetrie zwischen professionellen Nutzern und Privatkunden umgehen?

Lambis Dionysopoulos: Ich würde sagen, dass dafür keine regulatorischen Eingriffe erforderlich sind. Blockchain ist eine einzigartige Technologie, da sie sehr transparent ist und komplexe Informationen für jedermann kostenlos bereitstellt. Die Kompromisse, die man für ein solches Transparenzniveau eingehen muss, sind oft so groß, dass dezentrale Blockchains oft als ineffizient oder redundant kritisiert werden. Das ist jedoch notwendig, um eine Alternative zum bestehenden Finanzsystem zu schaffen, bei dem die Undurchsichtigkeit das größte Problem ist.

Im traditionellen Finanzwesen ist diese Undurchsichtigkeit ganz selbstverständlich. Der gewöhnliche Sparer, Spender oder Wähler hat keine Möglichkeit zu erfahren, ob sein Geld von der Bank so verwaltet wird, wie sie es verspricht, oder ob mit der Spende auch wirklich der angegebene Zweck unterstützt wird. Er hat auch keine Möglichkeit nachzuvollziehen, wer seinen Politiker mit wie viel Geld unterstützt. DeFi lässt hinter die Kulissen der Finanzmagie blicken, indem jede Transaktion in einem unveränderlichen, für jeden zugänglichen Ledger verschlüsselt wird.

Mit Tools wie Blockchain-Explorern kann heute jeder den Geldfluss in der Blockchain-Wirtschaft nachverfolgen, Informationen über die von ihm genutzten Anwendungen und Dienste in diesem Bereich gewinnen und fundierte Entscheidungen treffen. Es stimmt, dass diejenigen, die über Geldmittel und fortgeschrittene Kenntnisse verfügen, dieses System besser für sich nutzen können und das auch tun. Ich bin jedoch optimistisch, dass im Zuge der Ausweitung des DeFi-Ökosystems neue Tools auftauchen werden, die fortgeschrittenere Erkenntnisse für jedermann zugänglich machen. Ich bin aus zwei Gründen optimistisch: Erstens ist es vergleichsweise einfacher, solche Werkzeuge in der DeFi zu erstellen; und zweitens sind Inklusivität und Offenheit die Eckpfeiler des DeFi-Raums. Regulierungsbehörden sollten genau das fördern.

CT: In dem Bericht wird DeFi als “radikale Innovation” bezeichnet. Fintech im Allgemeinen als “nachhaltige Innovation”. Können Sie diese Definitionen und den Unterschied zwischen den beiden erklären?

LD: Nachhaltige oder inkrementelle Innovationen sind Verbesserungen bestehender Produkte oder Verfahren mit dem Ziel, dieselben Kunden besser zu bedienen, oft auch mit einem höheren Gewinn. Fintech ist ein Paradebeispiel dafür. Durch E-Banking können die Kunden Konten schneller eröffnen, Online-Transaktionen durchführen und haben Zugang zu elektronischen Kontoauszügen, Berichten und Verwaltungs-Tools.

Revolut und Venmo machen es einfacher, die Rechnung zu teilen oder Taschengeld anzufragen. Diese Funktionen werden von Verbrauchern oft begrüßt und gefordert, aber auch von Unternehmen, die dann Wege finden, diese zu Geld zu machen. Zentral für die Nachhaltigkeit von Innovationen sind Linearität und Sicherheit. D. h., dass moderate Veränderungen zu moderaten Verbesserungen der Art und Weise führen, wie man Dinge tut. Und auch ein Mehrwert wird geschaffen.

Radikale Innovationen wie DeFi hingegen sind nicht linear. Das sind ganz neue Ansätze, die konventionelle Gepflogenheiten infrage stellen. Radikale Innovationen gehen aus neuen Technologien hervor. Sie können neue Märkte schaffen und ermöglichen neue Geschäftsmodelle. Daher besteht bei diesen auch ein hohes Maß an Unsicherheit, insbesondere in der Anfangsphase. Die Tatsache, dass jeder seine eigene Bank sein kann und dass Offenheit und Kompositionsfähigkeit die festgefahrenen Muster überwinden können, sind Beispiele dafür, warum DeFi als radikale Innovation wahrgenommen werden kann.

CT: Gibt es Daten, die die Hypothese bestätigen, dass DeFi Leuten ohne Bankkonto helfen kann? Es scheint, dass DeFi in erster Linie etwas für technisch versierte Leute aus Industrieländern ist.

LD: Die Auffassung, dass DeFi bei technikbegeisterten Menschen mit einem Bankkonto beliebt ist, ist zwar wahr aber auch kurzsichtig. Für die traditionellen Finanzdienstleister ist es eine Frage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses, ob sie ihre Dienstleistungen jemandem zur Verfügung stellen. Einfach ausgedrückt: Ein großer Teil der Leute auf dem Planeten ist ihre “Investition” nicht wert. Misstrauische Leute könnten nun auch sagen, dass die Verweigerung eines Zugangs zum Finanzsystems ein gutes Mittel ist, um die Menschen unterzuordnen. Betrachtet man die Gruppe der Leute ohne Bankkonto bestätigt sich diese erschreckende Theorie wohl.

DeFi kann das ändern. Seine weltweite Verfügbarkeit hängt nicht von der Entscheidung eines Vorstands ab, sondern davon, wie das System aufgebaut ist. Jeder, der über einen rudimentären Internetzugang und ein Smartphone verfügt, hat auch Zugang zu modernen Finanzdienstleistungen. Unveränderlichkeit und Zensurresistenz sind ebenfalls wichtige Aspekte in der DeFi. Niemand kann den anderen daran hindern, eine Transaktion von einer bestimmten Region aus oder zu einer bestimmten Region hin zu machen oder mit einer bestimmten Person zu handeln. Schließlich ist DeFi unabhängig von den Absichten, die hinter dem Senden oder Empfangen von Informationen stehen. Solange jemand gültige Informationen sendet oder empfängt, ist er in den Augen des Netzes ein Bürger erster Klasse, unabhängig von seinem sonstigen sozialen Status oder anderen Eigenschaften.

DeFi ist bei technikaffinen Leuten mit einem Bankkonto vor allem aus zwei Gründen beliebt. Erstens erfordert die neue Technologie ein gewisses Maß an technischem Verständnis und zieht daher Nutzer an, die sich dieses Wissen erst aneignen müssen. Es werden jedoch aktiv Schritte unternommen, um die Eintrittshürde zu senken. Soziale Erholung und Fortschritte im UX-Design sind zwei Beispiele dafür.

Zweitens, und das ist vielleicht am wichtigsten, kann DeFi auch lukrativ sein. In der Anfangsphase, wenn man noch wild experimentiert, werden frühe Anwender mit hohen Erträgen, Airdrops und Kursanstiegen belohnt. Das zieht technisch versierte und finanzaffine Leute an, die eine höhere Rendite für ihre Investitionen anstreben. Turbulenzen auf dem Markt (wie die jüngsten Ereignisse bei UST/LUNA) trennen weiterhin die Spreu vom Weizen. Unhaltbar hohe Renditen werden schließlich aus dem Markt verdrängt und Leute, die sich von solchen (und nur von solchen) angezogen fühlen, werden woanders hingehen.

CT: Im Bericht wird auch die Problematik im Zusammenhang mit der Anonymität in der DeFi angesprochen. Welche möglichen Kompromisse zwischen den Kernprinzipien von DeFi und der Sicherheit der Nutzer sehen Sie für die Zukunft?

LD: DeFi ist nicht vollständig homogen, das bedeutet, es können verschiedene Dienste mit unterschiedlichen Kompromissen für verschiedene Gruppen von Leiten angeboten werden. Blockchains müssen oft einen Kompromiss zwischen Sicherheit und Dezentralisierung machen, um ihre Effizienz zu steigern. Auch DeFi-Anwendungen haben die Wahl zwischen Dezentralisierung und Effizienz oder Datenschutz und Compliance, um unterschiedliche Bedürfnisse zu decken.

Es gibt bereits einige Ansätze für eine konforme DeFi, sowohl bei verwahrten Stablecoins als auch bei programmierbaren digitalen Zentralbankwährungen, bei der Wertpapierabwicklung über Blockchain und vielem mehr. Zusammenfassend wird dieser Ansatz auch als CeDeFi (Centralized Decentralized Finance) bezeichnet. Der Kompromiss ist ausdrücklich im Namen enthalten. Es wird weiterhin Produkte geben, die unterschiedliche Kompromisse eingehen, um die Bedürfnisse der Verbraucher zu erfüllen. Ich hoffe jedoch, dass dieses Interview als Plädoyer für Dezentralisierung und Sicherheit dient, auch wenn damit Konventionen in Frage gestellt werden.

CT: Im Bericht heißt es, DeFi habe bisher nur minimale Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Anwendungsfälle seien auf Kryptomärkte beschränkt. Welche Anwendungsfälle sehen Sie außerhalb dieser Märkte?

LD: DeFi könnte die reale Welt direkt und indirekt beeinflussen. Je besser wir komplexe Technologien zugänglich machen, desto besser kann jeder auf die gesamte Palette der DeFi-Tools zugreifen. Internationale Zahlungen und Überweisungen sind die ersten naheliegenden Anwendungsfälle. Die Grenzenlosigkeit von Blockchains in Kombination mit relativ niedrigen Gebühren und angemessenen Transaktionsbestätigungszeiten macht sie zu einem guten Werkzeug für internationale Zahlungen.

In Verbindung mit anderen Fortschritten, wie etwa Layer-2-Systemen, kann der Transaktionsdurchsatz mit dem von großen Finanzdienstleistern wie Visa oder Mastercard mithalten. Damit werden Kryptowährungen auch für alltägliche Transaktionen zu einer überzeugenden Alternative. Bald könnten auch Anwendungsfälle im Zusammenhang mit grundlegenden Finanzdienstleistungen, wie Sparkonten, Kreditvergabe, Kreditaufnahme und Derivatehandel, folgen. Blockchain-gestützte Mikrofinanzierung und regenerative Finanzierung gewinnen ebenfalls an Zugkraft. DAOs könnten neue Arten von Organisationen für Communitys einführen. NFTs könnten auch auf dem Markt insgesamt attraktiver werden und sind das bereits auch schon.

Gleichzeitig werden auch im DeFi-Bereich entwickelte Konzepte zur Effizienzsteigerung im traditionellen Finanzsystem eingesetzt. Smart Contracts und programmierbares Geld sowie die Sicherheit vor Manipulation und die Transparenz nach dem Muster der Blockchain werden für die Überwachung von Finanzaktivitäten und die Umsetzung einer wirksameren Geldpolitik eingesetzt.

Zwar ist jede dieser einzelnen Komponenten für sich genommen wichtig, aber sie sind auch Teil eines größeren Übergangs zum Web3. In dieser Hinsicht würde ich sagen, die eigentliche Frage ist nicht, wie sehr Kryptowährungen die “reale” Wirtschaft beeinflussen können, sondern wie sehr sie die Grenze zwischen dem, was wir als “reale” und “Krypto”-Wirtschaft betrachten, verwischen werden.

CT: Im Bericht wird empfohlen, DeFi-Akteure nach ihrer Tätigkeit zu regulieren, und nicht als Entitäten. Wie würde diese Regulierungsstruktur funktionieren?

LD: In der DeFi-Welt sehen Entitäten ganz anders aus, als wir es gewohnt sind. Es handelt sich nicht um fest definierte Strukturen. Stattdessen bestehen sie aus einzelnen Leuten (und auch Entitäten), die sich in dezentralen, autonomen Organisationen zusammenfinden, um über Vorschläge abzustimmen, wie die “Entität” beteiligt werden soll. Die Tätigkeiten sind nicht genau definiert. Sie können wie Banken, Clearingstellen, öffentliche Plätze, Wohltätigkeitsorganisationen und Kasinos aussehen, und oft auch alles gleichzeitig. Bei DeFi gibt es keine einzelne Entität, die zur Rechenschaft gezogen werden kann. Aufgrund des globalen Charakters können auch die Rechtsvorschriften eines einzelnen Landes nicht angewendet werden.

Darum ist unsere konventionelle Weisheit in Sachen Finanzregulierung einfach nicht auf DeFi anwendbar. Der Übergang zu einer tätigkeitsbasierten Regulierung ist sinnvoller und kann durch die Regulierung auf individueller Ebene und die DeFi On-Ramps erleichtert werden. Allerdings gibt es definitiv schlechte Akteure, die DeFi als Vorwand nutzen, um neu verpackte herkömmliche Finanzprodukte zu verkaufen, die einfach nur weniger sicher und weniger reguliert oder gar regelrechte Betrügereien sind. Eine regulatorische Sicherheit macht es diesen schwerer, DeFi für solche Zwecke zu nutzen.


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